20.08.2025
Kirchbichl

Tradition in neuen Händen

Wie ein Tiroler Bodenlegerbetrieb den Generationenwechsel gemeistert hat

Von der Baustelle ins Büro und zurück: Alexandra und Valentin Sappl führen den Traditionsbetrieb Sappl Wohnkultur aus dem Tiroler Unterland in dritter Generation – mit Gespür für das Handwerk und einem sicheren Griff für die Zukunft.
    Die Hardfacts im Überblick
  • Was 1958 mit einer Schleifmaschine begann, ist heute ein Unternehmen mit 11 Mitarbeitenden, rund 30 Netzwerkpartnern und 5 Millionen Euro Umsatz.
  • Der einstige 5-Mann-Betrieb hat sich zum Komplettanbieter für Boden, Polsterei, Vorhänge und Raumausstattung mit gewerblichem Fokus entwickelt.
  • Valentin Sappl (26) führt den Betrieb als Prokurist – gemeinsam mit seiner Mutter Alexandra – in dritter Generation. Markus Sappl unterstützt bei strategischen Entscheidungen.
  • Alexandra Sappl ist nicht nur Geschäftsführerin, sondern auch Kammerfunktionärin – und engagiert sich aktiv für junge Frauen im Handwerk.
  • Raumausstattung bedeutet Nähe: „Man ist dort, wo sonst niemand hinkommt“, sagt Alexandra Sappl – persönliche Beratung ist daher zentral.

Als Johann Sappl im Jahr 1958 in Bad Häring sein Bodenlegergeschäft gründete, hatte er nur seine Schleifmaschine – und zwei starke Hände. Heute, 67 Jahre später, ist aus dem kleinen Familienbetrieb ein mittelständisches Unternehmen mit 11 Mitarbeiter:innen und einem Umsatz von rd. fünf Millionen Euro geworden. Die Geschichte der Firma Sappl ist ein Musterbeispiel für eine gelungene Unternehmensnachfolge – mit Fingerspitzengefühl und einem Händchen für das Neue.

Ein Generationenwechsel mit System

Die Familie stand bei Sappl Wohnkultur immer im Mittelpunkt. Die Übergaben von einer Generation zur nächsten erfolgten nie über Nacht, sondern immer mit Bedacht. Auf Johann folgten Sohn Reinhard und später dessen Bruder Markus und seine Frau Alexandra, die das Geschäft nach dem plötzlichen Tod ihres Schwagers weiterführte. Mittlerweile steht mit Enkel Valentin Sappl die dritte Generation in den Startlöchern – und ist längst eingebunden: „Ich glaube, es ist vor allem das Familiäre, das uns auszeichnet“, erklärt Valentin Sappl. „Wir schauen bei jedem Projekt, dass wir das Bestmögliche für den Kunden rausholen – ganz individuell und abgestimmt auf die jeweiligen Wünsche. Die persönliche Betreuung ist uns besonders wichtig.“

Valentin Sappl, ausgebildeter Bodenleger- und Polstereimeister, bringt nicht nur fachliche Kompetenz mit, sondern auch moderne Zugänge – von Ausschreibungsprozessen bis zur Projektarbeit mit Großkunden. Heute ist er Prokurist, Teil des Leitungsteams und mit 26 Jahren bereits in Verantwortung. „Der Bub hat’s im Griff. Und das ist das Wichtigste“, bestätigt sein Opa Johann Sappl. Bis zu seinem 70. Geburtstag stand dieser täglich im Geschäft. Auch mit fast 90 Jahren – der Geburtstag wird im September gefeiert – wirft er noch einen Blick auf das Geschehen.

 

Die Familie Sappl arbeitet nicht nur miteinander – sie leben auch gemeinsam unter einem Dach. Großvater und Enkel teilen seit einigen Jahren eine Männer-WG, ein Generationenmodell mit Handschlagqualität. „Die zwei sind sich ähnlicher, als sie zugeben würden“, verrät Alexandra Sappl schmunzelnd. Die Zuständigkeiten sind im Betrieb klar verteilt, wie Valentin erklärt: „Alles, was Böden betrifft, läuft über mich. Die Stoffe macht meine Mutter. Und wenn es ums Finanzielle geht – darf der Papa auch mitreden. Große Entscheidungen treffen wir immer gemeinsam.“

Markus Sappl, der zweite Sohn des Firmengründers Johann, ist Teil des Führungskreises – wenn auch meist im Hintergrund. Während er operativ nicht im Unternehmen tätig ist, begleitet er wichtige Entwicklungen auf Augenhöhe und bringt sich vor allem seine Erfahrung im strategischen und Finanzbereich ein. Gerade wenn es um Investitionen geht, ist sein Rat gefragt.

Wirtschaftlicher Erfolg trotz struktureller Herausforderungen

Mit 11 Mitarbeiter:innen und einem Bodenleger-Netzwerk mit weiteren 30 Handwerker:innen sowie Referenzprojekten in Hotellerie, Wohnbau und Gewerbe zählt Sappl Wohnkultur zu den größten Anbietern in Tirol. Die Nachfrage ist hoch – trotz zunehmendem Druck im Privatkundenbereich, wo Möbelhäuser den Markt aufrollen. Die Antwort von Sappl Wohnkultur: Spezialisierung, persönliche Beratung, hervorragende Einkaufskonditionen bei der Industrie – und Kontinuität in der Qualität. „Die Verbindung zum Kunden ist für uns zentral“, betont Valentin Sappl. „Man muss ein Gespür dafür entwickeln, was der Kunde gerade braucht – fachlich wie menschlich. Deshalb sage ich gern: Raumausstattung und Psychologie – das gehört bei uns irgendwie zusammen.“ Oder, wie es seine Mutter auf den Punkt bringt: „In der Raumausstattung ist man in Schlafzimmern, in Wohnzimmern – dort, wo sonst niemand hinkommt. Vertrauen ist da alles.“

Frauenpower im Handwerk

Die Rolle von Alexandra Sappl ist besonders bemerkenswert – nicht nur als Geschäftsführerin in einer klassischen Männerdomäne, sondern auch als Kammerfunktionärin und Netzwerkerin. „Ich bin als Bürokauffrau ins Unternehmen gekommen, habe stundenweise angefangen, bin dann reingewachsen – und ins kalte Wasser gesprungen“, erzählt sie. Heute engagiert sie sich in regionalen Wirtschaftsgremien für Empowerment und die Sichtbarkeit von Unternehmerinnen: „Früher hat man einfach gemacht, heute muss man auch sichtbar sein.“

Im Betrieb hat sie eine Kultur des Dialogs etabliert – auch in einem Umfeld, das mitunter rau sein kann. „Wenn es kein Problem gibt, ist der Ton immer in Ordnung“, meint sie mit einem Augenzwinkern. Auffallend viele Frauen arbeiten heute im Betrieb – auch bei den Lehrlingen. Alexandra Sappl fördert gezielt junge Frauen im Handwerk und schafft damit neue Perspektiven für die nächste Generation.

Tradition lebt in neuen Formen weiter

Der wirtschaftliche Umbau des Unternehmens ist nicht ohne Symbolkraft: aus dem traditionellen 5-Mann-Betrieb wurde ein Dienstleister mit gewerblichem Schwerpunkt, erweitertem Sortiment (Polsterei, Vorhänge, Raumausstattung) und einer klaren strategischen Ausrichtung. Gleichzeitig bleibt das handwerkliche Selbstverständnis spürbar – ebenso wie die regionale Verwurzelung.

Die Geschichte von Sappl Wohnkultur ist damit mehr als nur eine Unternehmensbiografie – sie ist ein Lehrbeispiel für wirtschaftliche Transformation im Mittelstand. Zwischen Tradition und Zukunft, zwischen persönlichen Werten und professionellem Anspruch zeigt sich ein Betrieb, der weiß, wo er herkommt – und genau weiß, wohin er will. „Uns ist wichtig, dass sich jeder gut aufgehoben fühlt. Wir arbeiten als Familie – und auch wie eine Familie. Das spürt man“, ist Valentin Sappl sicher.

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