Premierenbericht: „Hamlet“ am Stadttheater Kufstein
- Regie: Klaus Reitberger führt zum 21. Mal Regie und setzt in seiner Inszenierung auf eine minimalistische Bühne, die er selbst entworfen hat.
- Fokus auf Horatio: Die Figur Horatio wird in dieser Inszenierung zur zentralen Figur gemacht und mit einer jungen Frau (Diana Strickner) besetzt.
- Dominik Bubalo als Hamlet: Der junge Schauspieler beeindruckt in der Titelrolle mit einer Mischung aus Zerrissenheit und Bestimmtheit.
- Zusatztermin: Aufgrund hoher Nachfrage und ausverkaufter Vorstellungen wurde ein Zusatztermin für den 2. März 2025 um 18:00 Uhr angesetzt.
Die Hardfacts im Überblick
„Mein Vater ist tot“ – immer wieder hallt dieser Satz durch den bis auf den letzten Platz gefüllten Saal. Einer Familienaufstellung gleich werden die Protagonist:innen des Stückes vorgeführt: Klaus Schneider als manipulativer König Claudius, Barbara Dorfer als die widersprüchliche Königin Gertrud, Franz Osl als Polonius, Tin Godler als Laertes und Ella Rass als Ophelia. Den zentralen Figuren des Stückes begegnen wir zuvor: Diana Strickner als Horatio und schließlich Hamlet.
Die Inszenierung: Zwischen Licht und Schatten
Dominik Bubalo trägt den Abend mit einer bemerkenswerten Mischung aus Zerrissenheit und Bestimmtheit. Sein junges Alter lässt ihn die existenziellen Fragen Hamlets auf natürliche Weise verkörpern. Mal leise, voller Zweifel, dann wieder eruptiv und mitreißend – Bubalo verleiht Hamlet eine glaubwürdige Dringlichkeit.
Der Onkel wird nach dem Brudermord zu seinem Vater. Der alte Hamlet – Martin Heis als Geist – erscheint dem jungen und fordert nur eines: Rache. Für den todessehnsüchtigen Prinzen wird die Welt zunehmend zum Gefängnis – und er sucht verzweifelt nach Möglichkeiten zur Flucht. Er scheut sich zum Mörder zu werden und wird es doch: ein Mörder wider Willen.
Die Verstellung ist dem Stück in mehrfacher Hinsicht eingeschrieben. Hamlet wählt den Wahnsinn als Verkleidung, begegnet den anderen Figuren als Clown. Doch Unsicherheit macht sich breit – was ist gespielt, was ist wahr? Wir wissen es nicht.
Bühne und Kostüme: Minimalistisch, aber wirkungsvoll
Die Bühne, von Reitberger selbst entworfen, ist minimalistisch, fast leer – doch durch Licht- und Schattenspiele wird sie zu einer Projektionsfläche für Hamlets innere Konflikte. Die Glühbirne, die immer wieder in den Mittelpunkt rückt, wird zum Damoklesschwert, das über allem schwebt. Die Kostüme von Martin Wagner changieren zwischen Historie und Moderne und unterstreichen so den zeitlosen Charakter des Stücks.
Ein Glanzmoment ist das von „Schauspieler:innen“ dargebotene „Stück im Stück“. Auf Hamlets Wunsch stellen sie sich zunächst mit einer humorvollen Interpretation von Goethes Faust vor. Am nächsten Tag folgt die Uraufführung des von Hamlet erdachten Stückes. Dass es ein Tanzstück ist, mag im ersten Moment unerwartet sein: Die Liebe und das Leben werden von Maria Elisabeth Reitberger und Albin Winkler aufs Schönste „vertanzt“, und die Choreographie von Alexander Zaglmaier stellt Shakespeare kurz in den Schatten – bevor das Wort die Bühne zurückerobert.
Es wird gesprochen und öfter auch geschrien – ob des Schreckens, der nicht nur die Gesichter der Spieler:innen befällt, sondern auch das Publikum: Was gilt? Jeder gegen jeden. Seit Jahrhunderten.
Das Spiel: Mehr als „Worte, Worte, Worte“
Ophelia mausert sich im Laufe des Abends zu einem Höhepunkt. Sie „verschaut“ sich in Hamlet, doch ihre Täuschung wird bald offenbar – der Anfang vom Ende der Ophelia. Ihr Wahnsinn ist erschütternd echt und selten hat man den Sing-Sang der Todgeweihten so berührend gehört.
Die Figur des Horatio mehr ins Zentrum zu rücken und mit einer jungen Frau zu besetzen, erweist sich als Glücksgriff. Das körperbetonte Spiel zwischen Horatio und Hamlet ist eindrucksvoll anzusehen, jede Umarmung ein Kräftemessen. Am Ende wird Horatios Liebe zu ihrem Hamlet spürbar und so gebührt ihr das letzte Wort, bevor die Glühbirne endgültig erlischt. Auf der Bühne haben die Schatten gewonnen – im Leben aber soll das Licht siegen.
Ein kraftvoller Theaterabend
Diese Inszenierung ist mehr als „Worte, Worte, Worte“ – es ist eine eindringliche Reflexion über Menschlichkeit, Macht und Moral. Klaus Reitberger hat „Hamlet“ nicht neu erfunden, doch er hat das Drama mit zahlreichen aktuellen Bezügen aufgeladen und in einer dichten, bildgewaltigen Inszenierung eindrucksvoll auf die Bühne gebracht. „Zwanzig Inszenierungen habe ich geübt“, gesteht der Regisseur bei der Premierenfeier, „jetzt habe ich mich getraut.“ Dass er selbst nur zwei Stunden zuvor den Faust im Hamlet gab, schreit nach der nächsten Herkulesaufgabe für Reitberger.
Hinweis: Aufgrund der hohen Nachfrage und der bereits ausverkauften Vorstellungen wurde ein Zusatztermin für diese außergewöhnliche Inszenierung von Hamlet angesetzt: Am 2. März 2025 um 18:00 Uhr haben Theaterliebhaber:innen noch einmal die Gelegenheit, dieses beeindruckende Stück im Kulturquartier Kufstein zu erleben.
