PREMIERE: „JEDERMANN“ IN DER KUFSTEINER FASSUNG
- Das Stadttheater Kufstein feierte am 19. Juni 2026 Premiere mit der Kufsteiner Fassung von „Jedermann“.
- Klaus Reitberger inszeniert den Klassiker von Hugo von Hofmannsthal bereits zum vierten Mal im Festungsneuhof.
- Im Mittelpunkt steht nicht Jedermann, sondern Frau Jedermann, gespielt von Karolina Astl.
- Über 35 Mitwirkende auf und hinter der Bühne prägen den Abend als starke Ensemblearbeit.
- Die Kufsteiner Fassung erzählt Hofmannsthals Stoff weiblich, gegenwärtig und mit klarem Blick auf Macht, Besitz und Verantwortung.
- Die Premiere endete trotz drohendem Gewitter mit Standing Ovations und großem Applaus im Festungsneuhof.
Die Hardfacts im Überblick
Regisseur Klaus Reitberger tritt zu Beginn selbst vor das Publikum, um die Geschichte anzukündigen. Es ist ein bewusst gesetzter Auftakt, der dem Spiel eine erzählerische Klammer gibt. Dann würfelt die Göttin (Nicole Schreyer) das Schicksal der Menschheit aus. Österreich im WM-Finale? Einer von mehreren zeitgenössischen Verweisen, die den Abend mit Leichtigkeit öffnen und zeigen, dass diese Inszenierung nicht im musealen Abstand verharrt.
Glanz, Härte und ein schweigendes Gewissen
Frau Jedermann kommt nicht einfach auf die Bühne, sie fährt vor: wohlhabend, selbstbewusst und sichtbar gewohnt, dass sich die Welt um sie dreht. Doch schon in den ersten Szenen wird scherenschnittartig sichtbar, wie hart ihr Herz geworden ist. Teilen will sie nicht, auch nicht mit der alten Nachbarin (Hildegard Reitberger). Frau Jedermann hat andere Interessen und ihr Herz weiß wenig von Menschlichkeit. Nicht aus reiner Bosheit, wie der Abend später deutlich macht. An ihrer Seite steht die Gesellin (Elisabeth König) als überdrehte Freundin: laut, loyal und Teil dieser Welt, die sich im Angesicht des Todes als brüchig erweisen wird.
Warnungen im Schatten der Festung
Berührend geraten die Auftritte der Frau des Schuldknechts (Nathalie Keuschnigg) und der Kinder, die ihren Vater an die Justiz verlieren. Wenig später tritt der Vater der Frau Jedermann (Reinhard Exenberger) mahnend ins Licht. Die Figuren tauchen auf, geben Frau Jedermann ihre Botschaft mit auf den Weg und verschwinden wieder rund um die immer dunkler werdende Festung, die über allem thront. Der Spielort ist dabei nicht bloß Kulisse, sondern atmosphärischer Resonanzraum und die Sprache Hofmannsthals wirkt in dieser Aufführung erstaunlich selbstverständlich. Die Übertragung ins Weibliche funktioniert auch in dieser Wiederaufnahme überzeugend, weil sie nicht als bloßer Effekt eingesetzt wird, sondern neue Perspektiven auf Macht, Besitz und Verantwortung eröffnet. Frau Jedermann ist keine Umkehrung um der Umkehrung willen, sondern eine Figur, die gegenwärtige Fragen sichtbar macht.
Schon der Auftritt des Buhls (Albin Winkler) markiert einen deutlichen Stimmungswechsel. Die anschließende Party ist laut, bunt und bewusst überdreht: eine Feier im Zeichen der Maßlosigkeit, in einer Welt ohne Morgen. Betty Pearl (Herbert Oberhofer), Ikone der LGBTQ-Community in Kufstein, tritt als Partygast auf und bringt mit ihrem Auftritt eine schillernde, fast fiebrige Energie in die Szene. Der Moment fügt sich stimmig in diese Atmosphäre zwischen Dekadenz und drohendem Untergang.
Der Ruf, der alles verändert: Jedermann!
Dann erschallt von oben der Ruf: Jedermann! Die Begegnung mit dem Tod (Martin Heis) ist der Wendepunkt des Abends: Als Doktor überbringt er Frau Jedermann eine fatale Diagnose. Die Frist, die sie sich ausbedingt, ist knapp bemessen: eine Nacht – bis zum Sonnenaufgang hat sie Zeit, jemanden zu finden, der an ihrer Stelle geht. In den folgenden Szenen zeigt sich die eigentliche Unerbittlichkeit: Der Buhl und die Cousinen (Anna-Sophia Bucher und Magdalena Laiminger) wenden sich ab. Auch Mammon (Markus Mader) verweigert die Begleitung. Beziehungen und Besitz erweisen sich hier als trügerisch. Erst die Werke (Isabella Winkler) führen Frau Jedermann zur Erkenntnis. Im Kampf mit dem Teufel (Maria Elisabeth Reitberger) verdichtet sich die moralische Dimension des Stücks: Am Ende bleibt nicht, was man besitzt, sondern was man getan hat.
Wenn selbst das Wetter mitspielt
Gerade in diesen letzten Szenen findet die Kufsteiner Fassung zu ihrer stärksten Form. Karolina Astl zeigt Frau Jedermann nicht als eindimensionale Sünderin, sondern als ambivalente Figur, deren Fall auch ein Erkenntnisweg ist. Zugleich bleibt die Inszenierung eine Ensemblearbeit: Über 35 Mitwirkende auf und hinter der Bühne formen gemeinsam einen Abend, der von starken Bildern und sichtbarer Spielfreude lebt. Auch das Wetter wurde an diesem Premierenabend beinahe Teil der Dramaturgie. In der Pause zog ein Gewitter über Kufstein auf, Regenschutz wurde verteilt, die Spannung im Festungsneuhof verdichtete sich. Doch der Regen wartete bis nach dem Schluss. Tosend war zunächst nicht das Gewitter, sondern der Applaus des Publikums, das sich rasch zu Standing Ovations erhob.
Weitere Aufführungen finden am 25. und 28. Juni sowie am 2., 3., 5., 9., 10., 12., 16. und 19. Juli 2026 im Festungsneuhof Kufstein statt. Karten gibt es bei der Raiffeisenbezirksbank Kufstein sowie online unter www.stadttheater-kufstein.at.
