28.02.2025
Erl

Eine Treppe ohne Anfang und ohne Ende

In Erl entsteht das Bühnenbild für die Passionsspiele 2025

Wenn sich die Türen des Passionsspielhauses in Erl im Sommer 2025 öffnen, wird sich die Bühne in einem völlig neuen Licht präsentieren: Eine monumentale Treppe, strahlend weiß, ragt in den Raum – ohne Anfang, ohne Ende. Sie verbindet Himmel und Erde, Vergangenheit und Gegenwart, Glaube und Zweifel. Daneben erhebt sich ein zersplitterter Berg, ein Symbol der Natur, die aus den Fugen geraten ist. Gemeinsam formen sie das neue Bühnenbild für die Passionsspiele Erl – eine kühne Neuinterpretation der über 400 Jahre alten Tradition.
    Die Hardfacts im Überblick
  • Denkmalgeschützte Bühne – Die Podeste im Passionsspielhaus Erl sind denkmalgeschützt und dürfen baulich nicht verändert werden. Daher wurde das Bühnenbild so konzipiert, dass es sich in die bestehende Architektur einfügt.
  • Symbolträchtiges Bühnenbild – Die neue Inszenierung arbeitet mit starken Symbolen: Eine monumentale, weiße Treppe steht für das Imperium Rom, während ein zersplitterter Berg die aus den Fugen geratene Natur verkörpert.
  • Traditionelles Handwerk trifft High-Tech – Die Zimmerei Schwaighofer setzt auf traditionelle Schwalbenschwanzverbindungen, die dank modernster Frästechnik millimetergenau gefertigt werden.
  • Gemeinschaftsprojekt mit Herz – Die Bühnenbauarbeiten sind nicht nur ein technisches Meisterwerk, sondern auch ein Herzensprojekt vieler Beteiligter. Sogar ein Polier der Zimmerei spielt selbst bei den Passionsspielen mit.

Hinter diesem beeindruckenden Konzept stehen der Regisseur Martin Leutgeb und Bühnenbildner Hartmut Schörghofer. Seit Jahrzehnten kennen sie sich, seit Jahrzehnten arbeiten sie an gemeinsamen Projekten. Und doch ist dieses Vorhaben für beide eine Herausforderung, eine neue Annäherung an einen historischen Raum, der Veränderungen nur eingeschränkt zulässt.

Im Dialog mit der Architektur

„Der Raum ist mir nicht neu – ich habe hier viele Jahre lang mit den Tiroler Festspielen Erl gearbeitet“, erzählt Hartmut Schörghofer. „Die Opernproduktionen erforderten einen anderen Umgang mit der Bühne als die Passion. Natürlich fehlen mir hier die großen Theatermaschinerien, aber ich habe keine Scheu vor speziellen Gebäuden. Ich sehe das als eine positive Herausforderung.“ Diese Herausforderung beginnt mit einer entscheidenden Grundsatzfrage: Wie schafft man es, eine Bühne zu verwandeln, ohne sie baulich zu verändern?

Die Antwort: Eine Treppe. Groß, weiß, dominant. Sie überbaut die bestehenden Podeste, greift die Struktur der denkmalgeschützten Bühne auf und führt sie in eine neue Dimension. „Der Lattenhorizont fließt in sie hinein – das verändert die Wahrnehmung des gesamten Raums. Plötzlich sieht man die Architektur mit anderen Augen.“ Doch die Treppe allein reicht nicht aus. Sie braucht ein Gegengewicht: „Ich suche immer Kontraste“, gibt Schörghofer an. „Ich mag das Rüde in der Architektur: roher Beton, sägeraue Bretter – das sind Materialien, die mich faszinieren. Der Architekt dieses Gebäudes war sehr klug, er hat wirklich gut gearbeitet. Davor habe ich großen Respekt.“

Neben der Treppe wird ein Berg stehen – ein Symbol für die Natur, aber kein idyllisches Bild. Der Berg ist zersplittert, ein Sinnbild der Zerrissenheit der Welt. „Dieser zersplitterte Berg eröffnet mir gleichzeitig die Möglichkeit, die gewünschten Rückblenden umzusetzen“, erklärt der Bühnenbildner. „Der Berg besteht aus bespannten Rahmen, die transparent werden können und Öffnungen freigeben. So entsteht ein ‘sprechender’ Berg.“

 

Licht, Schatten und Magie

Ein solches Bühnenbild erfordert eine besondere Lichtgestaltung. Und auch hier setzt Schörghofer auf Kontraste. „Ich liebe den magischen Realismus – und genau das werden wir auf der Bühne sehen.“

„Der Berg steht für die Verbindung zwischen Himmel und Erde, für die Achse zwischen oben und unten. Dabei bleibt er ein abstraktes Symbol. Wir inszenieren keinen Sandalen-Historienfilm, sondern eine lebendige Geschichte.“

– Hartmut Schörghofer

Das Licht wird mit Reflexionen spielen, Farben verändern und Stimmungen erzeugen. „Eine Treppe hat eine Setzstufe und eine Trittstufe. Wenn ich diese beiden unterschiedlich beleuchte – die Trittstufe kalt, die Setzstufe warm – und dazu leichten Nebel einsetze, dann mischt sich das Reflexionslicht auf eine ganz besondere Weise. Man versteht gar nicht genau, wie dieser Effekt entsteht.“ Doch nicht nur Licht, sondern auch Projektionen sollen das Geschehen unterstützen. „Ich finde es spannend, mit dieser Technik zu arbeiten, und sehe es als Experiment. Genau das macht diese Produktion für mich so besonders.“

Handwerk trifft auf Vision

Die Umsetzung eines solch komplexen Bühnenbildes erfordert handwerkliche Präzision. Die Zimmerei Schwaighofer, die für die Konstruktion verantwortlich ist, bringt dafür jahrhundertealte Techniken mit modernster Technologie zusammen.

„Für unser Team ist dieses Projekt etwas ganz Besonderes. Unser Polier Christian etwa spielt selbst mit – und für ihn ist es ein Herzensprojekt, Teil der Passionsspiele zu sein.“

– Michael Fahringer

„Die Idee war bereits sehr konkret“, berichtet Michael Fahringer, der das Projekt von Seiten der Zimmerei betreut. „Der Bühnenbildner hatte ein klares Konzept, das ich übernommen habe. Natürlich gab es Diskussionen und kleinere Anpassungen, aber insgesamt haben wir kaum etwas verändert.“ Die konstruktive Umsetzung samt Stabilitätsberechnung sowie der CAD-CAM-Planung wurden ebenfalls von der Zimmerei Schwaighofer ausgeführt. Besonders beeindruckend ist die handwerkliche Qualität der Konstruktion. „Wir arbeiten mit Schwalbenschwanzverbindungen – das ist eine traditionelle Zimmermannstechnik. Dank modernster Frästechnik werden diese Verbindungen millimetergenau gefertigt. Würde man sie händisch anfertigen, wäre der Zeitaufwand sehr hoch. Die CAD-CAM-Technik ist hier Gold wert.“

Feinschliff und Präzision

Noch ist die Arbeit nicht abgeschlossen. „Jetzt geht es ins Feine – all die Anpassungen, die erst in der Endphase anfallen, insbesondere die Anschlüsse der Nebentreppen. Das ist noch einmal eine Herausforderung“, so Fahringer. Doch die Zusammenarbeit läuft reibungslos. „Die Zimmerei ist hochprofessionell – für mich ist dieses Projekt eine ganz neue Erfahrung. Die Montagearbeit ist enorm! Einmal haben wir eine Entscheidung geändert und sie haben das in nur zwei Tagen umgesetzt. Da staunt man“, erklärt Schörghofer.

Eine Bühne, die bleibt

Wenn die Passion 2025 beginnt, werden sich mehr als 600 Laiendarsteller:innen auf dieser neuen Bühne bewegen. Sie wird Schauplatz für Verrat und Hoffnung, Schmerz und Erlösung. Sie wird eine Brücke schlagen zwischen dem Alten und dem Neuen – ein Symbol für eine Geschichte, die kein Ende kennt.

„Weit und groß wird es erst, wenn viele Köpfe zusammenkommen“, sagt Schörghofer. „Natürlich bedeutet das auch, dass man sich aufeinander zubewegen, eigene Ideen anpassen und verändern muss.“ Und genau das ist gelungen: ein Bühnenbild, das sich nicht aufdrängt, sondern den Raum erweitert. Eine Treppe ohne Anfang und ohne Ende. Ein neuer Blick auf eine uralte Geschichte.

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